Hört der Schmerz nie auf?

Über Trauer bei ungewollter Kinderlosigkeit

Es ist eine Traumwohnung, die wir besichtigen. Altbau, großzügig, noch dazu in dem Viertel, in dem wir gerne leben möchten. Und: Die Wohnung ist groß genug, dass außer meinem Mann und mir noch ein oder zwei Kinder Platz haben würden. Unsere Freude ist riesig, als wir den Zuschlag bekommen. Voller Zuversicht richten wir uns ein und hoffen darauf, bald zu dritt zu wohnen.

Ein paar Jahre später beherbergt das Zimmer, das als Kinderzimmer gedacht war, alles, was sonst keinen so rechten Platz in unserer Wohnung gefunden hat. Alles, was nicht im direkten Gebrauch ist – die ausrangierten Inline-Skates, der Tennisschläger, Ordner, Wintermäntel. Das gewünschte Kind war nicht gekommen.

Was kann helfen, um mit der Trauer über einen solchen geplatzten Lebensplan umzugehen?

Abschied vom Kinderwunsch

Für viele Frauen kommt die Erkenntnis „Ich werde in diesem Leben keine Mutter sein“ nicht als plötzliche Einsicht. Manchmal ist es so, und es gibt einen Moment, in dem diese Erkenntnis zur Gewissheit wird. Meist ist es ein allmähliches Erkennen, ein langsames Einsickern. Etwas in uns will diese Tatsache nicht wahrhaben und wehrt sich dagegen. Doch auch in diesem Fall wird eines Tages klar, dass wir diese Tatsache irgendwie akzeptieren müssen. Ob es nun allmählich oder plötzlich geschieht – der Schmerz darüber geht tief.

Was nun folgt, ist ein Trauerprozess – auch wenn das vielen nicht bewusst ist. Weil uns gar nicht klar ist, dass das, was wir empfinden, Trauer ist. Dabei sind wir, die über Jahre versucht haben, ein Kind zu bekommen, im Trauern geübt. All die vielen Versuche, das Warten jeden Monat, die aufwändigen reproduktionsmedizinischen Versuche, das Hoffen und die Enttäuschung. Jedes Mal wieder diese Traurigkeit. Und doch ist die Trauer, wenn die Kinderlosigkeit zur Gewissheit wird, nochmal anders – in ihrer Qualität und auch in ihrem Ausmaß. Es kann sich so anfühlen, als hätte sich alles Glück aus unserem Leben verabschiedet und wir können uns einfach nicht vorstellen, wie wir wieder Sinn und Erfüllung finden können.

Mir hat es sehr geholfen – und ich erlebe das auch bei Klient:innen und in meinen Kursen, mehr über Trauerprozesse und Trauerwege zu erfahren. Es gibt einen Weg durch diese Trauer hindurch – einen Weg, der uns hilft, mit der Kinderlosigkeit zu leben und sogar auch wieder Freude und Sinn in diesem Leben zu erfahren. Jody Day, die mit Gateway Women ein einzigartiges Unterstützungsnetzwerk für ungewollt kinderlose Frauen geschaffen hat, schreibt in ihrem Buch Living the Life unexpteced: „Sich der Möglichkeit bewusst zu werden, dass wir keine Kinder und dass wir nicht die erträumte Familie haben werden, ist ein herzzerreißender Verlust. (…) Es ist lebenswichtig, dass wir als kinderlose Frauen uns die Erlaubnis geben, diesen Verlust zu betrauern. Und indem wir das tun, erlauben wir der Trauer, unser Herz zu heilen. (S. 85)

Wie können wir den Kinderwunsch loslassen, ihn betrauern? Wie kann diese Trauer aussehen?

Die unsichtbare Trauer

Die Trauer um ein Kind, das sehnlich gewünscht und doch nie geboren wird, ist in den allermeisten Fällen eine unsichtbare Trauer. Von der wenige Menschen im Umfeld etwas ahnen. Die meisten von uns haben nur wenigen anvertraut, was sie durchmachen. Es wissen also nur enge Freundinnen oder vielleicht eine Schwester von den Versuchen. Und da so wenige davon wissen, gibt es auch keine Kondolenzgesten. Es gibt niemanden, der diesen Verlust mit betrauert. Einsamkeit ist ein großes Thema. Dabei ist echte Anteilnahme bei Trauer etwas, was die meisten als sehr tröstlich erleben, wenn nicht wohlmeinende Ratschläge oder Beschwichtigungen dabei sind.

In allen allermeisten Büchern und Ratgebern über Trauer geht es um den Verlust geliebter Menschen. Doch wie trauern wir um etwas, das es nie gab?

Das Trauer-Kaleidoskop

Trauern ist viel mehr als Traurigkeit. „Trauer“ können wir beschreiben als ein Kaleidskop, in dem unterschiedliche Facetten vorhanden sind, die sich immer wieder in unterschiedlicher Anordnung zeigen. Die Trauerbegleiterin Chris Paul hat genau dieses Bild des Kaleidoskops genommen, um ihre Erfahrungen mit Trauer zu beschreiben. Ihre sechs Trauerfacetten erleben wir auch bei unsichtbarer Trauer, nur in einer etwas anderen Ausprägung.

Die 1. Trauerfacette: Überleben

Die erste dieser Trauerfacetten ist: Überleben. Das ist das, um was es in der ersten Zeit geht, wenn uns klar wird, dass wir kinderlos bleiben werden. Das ist es, was nun im Vordergrund steht. „Überleben heißt nicht, es sich gut gehen zu lassen. Überleben ist eine rohe, simple Angelegenheit. Man atmet weiter und übersteht den Tag und die Nacht und den nächsten Tag. Jede(r) von uns macht das anders“, schreibt Chris Paul in ihrem Buch Ich lebe mit meiner Trauer.

Überleben in diesem Fall heißt, an allem festhalten, was nun Halt gibt. Die Arbeit, der Sport, Yoga, Wandern. Es sind oftmals auch Strategien zum Ablenken: fernsehen, Podcasts hören, zu laufen beginnen, Alkohol, essen.

Was Frauen in dieser Zeit geholfen hat:

  • Einfach weiterarbeiten
  • Psychotherapeutische Unterstützung suchen.
  • Verreisen. Einen Break machen: eine Ayurveda-Kur, eine Pilgerreise; eine Auszeit
  • Yoga und Meditation
  • Regelmäßig spazieren gehen, walken oder laufen
  • Sich einen Ruck geben und Gleichgesinnte suchen
  • Sich Wissen über Trauer aneignen und lernen, was trauern bedeutet

Bei einem Todesfall eines geliebten Menschen kann diese erste „Überlebensphase“ ein gutes Jahr dauern, manchmal auch länger, manchmal auch kürzer. Diese Zeitspanne können wir auch beim Abschied vom Kinderwunsch annehmen. Wobei es hier keine Norm gibt, jede Trauer braucht genau die Zeit, die sie da ist. Die Erfahrung zeigt auch, dass solche „Überlebensphasen“ immer wieder vorkommen können, vielleicht nicht als Phase, sondern eher in Momenten. Immer dann, wenn der Schmerz um die Kinderlosigkeit wieder berührt wird. Das kann sein, wenn die Menopause eintritt, wenn im Familien- oder Freundeskreis die ersten Enkelkinder auf die Welt kommen, wenn die eigenen Eltern sterben. Da wird es immer wieder Momente geben, indem die Tatsache, kinderlos zu sein, in den Vordergrund tritt. Und es hilft, für solche Momente oder Tage zu wissen, was guttut. Selbstmitgefühl und Selbstfürsorge sind dabei unterstützend.

2. Trauerfacette: Akzeptanz – die neue Wirklichkeit begreifen

Diese Trauerfacette umfasst den Prozess, den Verlust wirklich zu begreifen. Es geht um Akzeptanz, und diese Akzeptanz ist radikal. Ich werde in diesem Leben keine Mutter sein. Ich werde nie die Erfahrung machen, ein Kind zu gebären. Ich werde nie mein eigenes Kind im Arm halten. Ich werden meinen Mann nie als Vater erleben. Ich werde nie erleben, dass mein Kind freudestrahlend auf mich zuläuft, um sich in meine Arme zu werfen und hier Geborgenheit zu erfahren. Ich werde nie stolz zusehen, wie mein Kind sein eigenes Leben aufbaut und vielleicht auch selbst Kinder bekommt. Ich werde nie Enkel haben.

Sich all diese Verluste nochmal bewusst zu machen, kann extrem schmerzhaft sein. Es bedeutet, sich für die schmerzhaften Gefühle zu öffnen. Es kann aber auch ein Schritt Richtung Heilung sein.

3. Trauerfacette: Gefühle

Bei Trauer erleben wir nicht nur Traurigkeit. Im Trauerprozess zeigen sich eine Vielzahl von Gefühlen: Neben der Traurigkeit auch Verzweiflung, Wut, Angst, Neid, Sehnsucht, Scham und Einsamkeit. Wie können wir diesen Gefühl Ausdruck geben? Wir haben es ja selten gelernt, wie wir gut mit Gefühlen, vor allem den schwierigen Gefühlen, umgehen können.

Eine Achtsamkeitsübung, um mit schwierigen Gefühlen umzugehen: Ein erster Schritt ist es, das Gefühl, das auftaucht, zu benennen. Schon dieses Benennen kann die Angst vor überwältigenden Gefühlen lindern. Mit Freundlichkeit und Wohlwollen bemerken: Da ist Traurigkeit. Oder: Das ist Einsamkeit. Im zweiten Schritt hinspüren, wo sich das Gefühl im Körper zeigt. Ist die Angst im Nacken spürbar? Oder zeigt sich die Traurigkeit als Druck auf der Brust? Die Wut im Bauch? Sich dieser Körperempfindung dann liebevoll zuzuwenden, ist der dritte Schritt. Das Gefühl umsorgen, sich ihm zuwenden und es liebevoll halten, als wäre es ein kleines Kind.

Neben der Achtsamkeit kann uns alles helfen, was uns emotional tröstet oder stärkt: Schreiben, spazieren gehen, Musik hören, lesen, eine Freundin anrufen, singen.

4. Trauerfacette: Sich anpassen

Diese Trauerfacette beschreibt die Notwendigkeit, sich ein neues Leben aufzubauen. Beim Abschied vom Kinderwunsch wird oft vom Plan B gesprochen. Meiner Erfahrung nach ist das kein Plan, den wir rational im Kopf entwickeln. Dieser Plan entsteht von selbst, wenn wir die Bedingungen dafür schaffen: Wenn wir uns wieder öffnen für das, was es außer dem Kinderwunsch noch gibt, für das, was uns interessiert, wofür wir uns begeistern können, was uns nährt, was uns Kraft gibt, worüber wir stundenlang lesen, hören und sprechen können. Dieses innere Wissen, diese Erfahrungen sind da, sie sind wahrscheinlich begraben unter der großen Schicht an Traurigkeit und Verzweiflung. Geben wir diesen Gefühlen den Raum, den sie brauchen, dann werden nach und nach auch wieder die Gefühle der Freude und der Begeisterung auftauchen. Sie können uns den Weg weisen zu einem sinnerfüllten Leben auch ohne Kind.

5. Trauerfacette: Verbunden bleiben

Früher dachte man, so schreibt Chris Paul, dass sich Trauernde von den Verstorbenen lösen müssten, um sich wieder dem Leben zuwenden zu können. Heute weiß man, dass die Verbundenheit mit den Verstorbenen stärkend sein kann. Wie trifft diese Trauerfacette auf ungewollte Kinderlosigkeit zu? Mit wem bleiben wir verbunden? Wie zeigt sich Verbundenheit? Ich glaube, wir dürfen mit der Mütterlichkeit in uns verbunden bleiben – also mit der Liebe und der Fürsorglichkeit. Diese Verbundenheit kann uns kreativ werden lassen, so dass wir neue Wege finden, Liebe und Fürsorglichkeit in die Welt zu bringen. Wir dürfen uns erlauben, damit bei uns selbst zu beginnen – uns selbst eine liebevolle Mutter zu sein. Das bedeutet: Uns all die Selbstfürsorge und das Selbstmitgefühl zu geben, das wir brauchen. In der Zeit der Trauer und auch in all den Lebensjahren, die noch vor uns liegen.

6. Trauerfacette: Einordnen

Bei dieser Trauerfacette geht es darum, so Chris Paul, wie wir das, was wir erlebt haben, gedanklich einordnen und bewerten. Ein schwerer Verlust stellt „alle bisherigen Grundüberzeugungen in Frage: Stimmt das so noch?“ Bei all den Verlusten, die die ungewollte Kinderlosigkeit mit sich bringt, tauchen natürlich Fragen auf: Wer bin ich als Frau ohne Kinder? Was gibt meinem Leben nun Sinn? Wofür will ich mich nun einsetzen, wenn es nicht eigene Kinder sind? Gelingt es uns, Freude und Leid nebeneinander zu stellen – den Schmerz zuzulassen und auch der Freude wieder die Tür zu öffnen? Wir müssen nicht nach dem Guten suchen, nach dem Silberstreif, denn vielleicht gibt es den nicht. Kinderlos zu sein heißt auch zu akzeptieren, dass das Leben nicht immer gerecht ist und dass Leid geschieht, ohne dass wir Schuld daran tragen. Zugleich können wir uns auf die Suche machen, wie wir neuen Sinn finden können. Um irgendwann wieder ein erfülltes und glückliches Leben zu führen.

Zum Schluss

Ein Frühlingsabend, der Tag war warm, gegen Abend wird es wieder kühler. Ich sitze in meinem Zimmer, blicke auf die Linde vor dem Haus, fast über Nacht hat sie ihre Blätter wieder, die sich in zartem Grün zeigen. Dahinter liegt der von Linden gesäumte Platz, grün, wohin mein Auge blickt. Ich denke zurück an die Zeit, als dieses Zimmer so vollgestellt war, und wie ich es Schritt für Schritt zu meinem Zimmer gemacht habe. Dinge aussortiert, die Wände in verschiedenen Gelbtönen gestrichen, ein Sideboard und einen Schreibtisch gekauft, bis es schließlich einfach „mein Zimmer für mich allein“ war. Mit jedem dieser Schritte habe ich die Vorstellung vom Leben mit Kind etwas mehr losgelassen und mich mit meinem Leben, wie es nun ist, angefreundet.

Der Schmerz ist noch da, nicht immer, eher ab und zu, nicht mehr so stark, manchmal nur ganz leise. Zugleich ist die Freude auch wieder da, die Freude über dieses Leben, das zwar nicht so ist, wie ich es erwartet hatte, und was ich dennoch nicht anders haben möchte.

Über die Autorin

Usha Swamy ist Therapeutin, Trainerin und Wegbegleiterin. Sie verbindet westliche Psychologie mit der Weisheit östlicher Traditionen und unterstützt Menschen dabei, sich selbst besser zu verstehen, innere Klarheit zu finden und ihren Weg mit mehr Leichtigkeit zu gehen.